Bildung ist der Weg zu mehr Perspektiven.

Viele Kinder und Jugendliche in Brasilien führen ein Leben zwischen Armut, Gewalt und Drogen. Für sie ist es nicht selbstverständlich zur Schule gehen oder eine Ausbildung machen zu können. Die Folge: Viele haben keinen richtigen Beruf erlernt.

Die Salesianer Don Boscos unterstützen Kinder aus sozial schwachen Familien mit schulischen Begleitprogrammen, damit sie die Schullaufbahn erfolgreich abschließen. Darüber hinaus fördern sie die berufliche Ausbildung junger Menschen mit Fort- und Weiterbildungen sowie kompletten Ausbildungslehrgängen.

Wie leben junge Menschen in Brasiliens Favelas? Und was erleben sie? Lesen Sie hier die Geschichten von Jugendlichen aus verschiedenen Städten Brasiliens.

Vanderley A., 18 Jahre: Eine zweite Chance für junge Straftäter

Aus der „Begleiteten Freiheit“ zurück ins Leben.

Vanderley schraubt mit am großen Traum der Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien. Der 18-Jährige montiert seit ein paar Monaten Sitzschalen auf die Tribünen im neuen Stadion von São Paulo. Im Juni wird dort die WM in seinem Stadtteil Itaquera eröffnet. Für Vanderley ist der Job ein Glücksgriff. Umgerechnet etwa 400 Euro verdient er im Monat – und das ohne eine abgeschlossene Schul- oder Berufsausbildung.

Vanderley kommt aus einer der vielen Favelas, den Armenvierteln Sao Paulos. Die Mutter ist Putzfrau, der Vater tot. Als ältester von acht Geschwistern musste er schon früh Verantwortung übernehmen. Doch die war zu groß. Vor einem Jahr hat er mit Drogen gehandelt und wurde von der Polizei erwischt.

Nach einigen grauenvollen Tagen im Knast kam er zum Bewährungsprogramm „Begleitete Freiheit“ der Salesianer Don Boscos. Hier landen Jugendliche, die etwa wegen Dealerei, schwerer Körperverletzung, Raub, Einbruch oder Gewaltverbrechen verurteilt sind. Im Anschluss einer Haft oder während der Bewährungszeit werden sie hier sechs Monate betreut. Das Programm ist sehr erfolgreich. Von den 157 Teilnehmern der letzten Jahre sind nur zwei wieder zurück ins Gefängnis gewandert. Die Mehrheit nutzt die hier gebotene Chance, söhnt sich mit der Familie aus und startet neu ins Leben.

„Dem Programm verdanke ich alles“, sagt Vanderley heute. Auch den Job im Stadion hat ihm Don Bosco vermittelt. Er sei sehr froh darüber, dass sein Leben in eine andere Bahn gelenkt wurde. Täglich fährt er eine halbe Stunde mit dem Bus zur Arbeit. Natürlich fand er die Erhöhung der Ticketpreise im Sommer 2013 nicht gut. „Ich glaube, bei der WM wird es wieder Demos geben. Allein schon, um der Regierung zu zeigen, dass es so nicht geht.“

Für die Zeit nach der WM hat er bereits einen neuen Job – in einem anderen Stadion.

Portrait Vanderley

Natalia S., 19 Jahre: Auf dem Weg in eine eigene Zukunft

Natália ist 19 Jahre alt und Auszubildende bei einer Bank in Rio de Janeiro. Den Ausbildungsplatz hat ihr das Sozialwerk Don Bosco vermittelt, das junge Menschen beim Einstieg in das Berufsleben unterstützt. Es ist ihre erste Anstellung und keine Selbstverständlichkeit für jemanden, der wie sie in einer Favela aufgewachsen ist.

Von klein auf benachteiligt.

Als kleines Mädchen musste Natália neben der Schule mit Minijobs zum Familieneinkommen beitragen. Früh übernahm sie die Verantwortung für ihren Sohn, lernte, ihre Zeit richtig einzuteilen, um die tagtäglichen Aufgabe zu bewältigen – das alles war nicht leicht. „Ohne Don Bosco hätte ich das alles nicht geschafft“, sagt sie heute

Die zweite Heimat heißt Don Bosco.

Seit ihrem zehnten Lebensjahr kommt Natalia regelmäßig ins Jugend- und Berufszentrum der Salesianer. Es ist zu so etwas wie ihrer zweiten Heimat geworden. Kaum ein Angebot, das die junge Frau nicht genutzt hat – Basteln, Sport, Capoeira, Computerkurse, Infoabende über Bürgerrechte, schließlich die Teilnahme an der Berufsvorbereitung. „Bei Don Bosco hatte ich keine Zeit, an Unsinn zu denken. Im Gegenteil, sie haben mich motiviert, Abitur zu machen und mir geholfen, eine Ausbildungsplatz zu finden.”

Schritt für Schritt in eine selbstständige Zukunft

Bevor sie zur Bank kam, nahm Natália drei Monate an einem Vorbereitungskurs teil. Dort wurde sie auf die Arbeitswelt vorbereitet und lernte ihre Rechte und Pflichten am Arbeitsplatz kennen. Jetzt geht sie nur noch einmal in der Woche zu den berufsbegleitenden Kursen im Don Bosco-Zentrum. Hier finden die Auszubildenden immer auch ein offenes Ohr bei Problemen oder Schwierigkeiten in der Familie, mit dem Chef, Gewalt oder Drogen.

Natália ist selbstbewusster geworden, hat gelernt, sich Ziele zu setzen und weiß besser, was sie will im Leben. Obwohl sie ihre Favela irgendwie mag, würde sie sofort woanders hingehen, wenn sie könnte. Ihr Sohn soll es einmal leichter haben als sie.

Portrait Natalia

Eduarda F., 14 Jahre: Das ganz normale Leben

Eduarda lebt in Jacarezinho, eine der gefährlichsten Favelas von Rio de Janeiro. Sie besucht die Don-Bosco-Schule im Viertel. Die Nachmittage verbringt sie im Gemeindezentrum der Salesianer, wo sie die vielen Freizeit- und Sportangebote nutzt. Eduarda kennt viele Gleichaltrige, die auf der Straße herumhängen. Die strenge Disziplin der Salesianer findet sie gut. Viele würden erst dort ihre Talente entdecken, so wie sie, die ihre Leidenschaft für das Tanzen entdeckt hat, das heute wie eine „Droge“ für sie ist.

Das Grauen viel zu früh erlebt.

Mit ihren 14 Jahren hat Eduarda schon zu viel von dem gesehen, was ein Kind nicht sehen sollte. Sie war gerade sechs Jahre alt, als sie die Gewalt in ihrer Favela selbst erlebte. Sie war mit ihrer besten Freundin auf dem Rückweg von der Schule, als ihre Freundin von einer Kugel am Kopf getroffen wurde. Das Mädchen war sofort tot. Eigentlich war es ein ganz normaler Tag gewesen. Die Polizei hatte mal wieder eine Razzia gegen Drogendealer in der Favela geführt, und die beiden waren wie immer nach Hause geeilt. Diesmal hatten sie es jedoch nicht rechtzeitig geschafft. Seitdem lebt Eduarda in ständiger Angst. Angst, es könne jeden Moment sie selbst oder jemanden aus ihrer Familie treffen.

Leben mit Armut und Gefahren.

Bereits seit mehreren Generationen lebt ihre Familie in Jacarezinho. Da, wo vorher eine Müllhalde war, hatten die Eltern eine Hütte aus Blech und Pappe errichtet. Inzwischen wohnt Eduarda mit elf Geschwistern, zwei Tanten und der Großmutter auf wenigen Quadratmetern in einem Haus aus Ziegelstein. Wenig hat sich seitdem für die Familie verändert, die heute von Sozialhilfe lebt.

Der Wunsch nach einem besseren Leben.

Eduarda blickt mittlerweile etwas positiver auf das verschriene Viertel, in dem sie lebt und in dem bis vor gut einem Jahr noch die Drogenbosse das Sagen hatten. Mit der polizeilichen Befriedung der Favela hat sich die Situation wesentlich verbessert. Jetzt hofft sie darauf, dass die Fußballweltmeisterschaft noch mehr Aufmerksamkeit für ihr Land und somit auch für ihre Favela bringen wird.

Sie wünscht sich vor allem eins: Frieden und Sicherheit. Und für sich ganz persönlich: „Mein Traum ist es, Wissenschaftlerin zu werden, große Entdeckungen und Verbesserungen zu machen, die der Menschheit und Brasilien zu Gute kommen. Für mich persönlich wünsche ich mir ein besseres Leben als das meiner Familie, ohne auf die Unterstützung des Staates angewiesen zu sein.“

Portrait Eduarda

Anderson M., 17 Jahre: Fußball als Schule des Lebens

Irgendwann möchte Anderson M. drüben im Corinthians-Stadion von São Paulo auf dem Platz stehen. Dort, wo im Juni die Fußballweltmeisterschaft eröffnet wird. Das sportliche Großereignis findet direkt gegenüber des großen Don Bosco-Jugendzentrums im Stadtteil Itaquera statt, wo Anderson regelmäßig trainiert.

Von der Favela auf den grünen Rasen …

Don Bosco hat dem fußballbegeisterten und hochtalentierten 17-Jährigen ein Probetraining bei der dortigen Jugendabteilung vermittelt. Corinthians ist immerhin fünfmaliger brasilianischer Meister und hat zweimal den Weltpokal gewonnen. Als einziger der vielen Fußball begeisterten Jugendlichen im Zentrum kennt Anderson auch deutsche Kicker: „Klose, Schweinsteiger, Lahm, Müller.“ Seine Augen glänzen. „ Ich will auf jeden Fall Fußballprofi werden“, strahlt der kräftige junge Mann.

… oder einmal Favela immer Favela?

Lange Zeit sah es nicht danach aus. Vor ein paar Jahren geriet Anderson an die falschen Freunde. Sie hätten ihn verleitet, etwas Schlimmes zu tun, wie er sagt. So schlimm, dass er neun Monate im Knast saß. Jemand sei dabei zu großem Schaden gekommen. Aber das war eindeutig seine Schuld, wie er heute weiß.

Fußball – die Struktur fürs Leben.

Im Reintegrationsprogramm von Don Bosco hat Anderson wieder eine Orientierung im Leben gefunden. Einmal täglich kommt er für mindestens eine Stunde hierher, sechs Monate lang, spricht mit den Sozialarbeitern. Gemeinsam überlegen sie, wie es nun mit ihm weitergeht. Wie eine Familie sei das hier für ihn, erzählt Anderson. Im Zentrum hat er außerdem neue Kontakte geknüpft und nutzt die vielen sportlichen Angebote. Seine Freude auf die WM ist trotz der sozialen Unruhen im Land ungetrübt: Fußball bedeutet pure Freude für ihn, und natürlich wird Brasilien gewinnen.

Seine Hoffnung für die Zukunft: Wenn es mit der Fußballkarriere nicht klappt, will er arbeiten und bei Don Bosco eine Ausbildung zum Elektriker machen.

Portrait Anderson

Paulo C., 27 Jahre: Den Lebensweg selber gestalten

Als Paulo mit sechs Jahren in die Nähe von Itaquera zog, einem Zuwanderviertel am Rande von São Paulo, gab es dort weder Strom noch Wasser. Das Haus, in dem er allein mit der Mutter lebte, war ein Bretterverschlag. Für mehr reichte das Geld einfach nicht.

Der große Lebenstraum: ein normales Leben.

Mit 14 Jahren ging Paulo arbeiten, verkaufte Eis und Chips in der Metro, während die Mutter die Wäsche Anderer wusch. In der Schule, die er im Abendkurs besuchte, ließ die Konzentration oft nach, wenn die Müdigkeit ihn überkam vom anstrengenden Tag in vollen Zügen.

Paulo gab jedoch nie auf. Er träumte von einem normalen Leben, weil er nicht enden wollte wie viele seiner Freunde – verwickelt im Drogen-Milieu, abhängig oder kriminell. Bei Don Bosco erhielt er eine Chance.

Mit Fleiß und Ausdauer ans Ziel.

Im Berufsbildungszentrum von Don Bosco bekommt Paulo erst einen Job als Wächter, später arbeitet er als Aushilfe in der Verwaltung der Schule. Er erhält einen der begehrten Ausbildungsplätze und entscheidet sich für visuelle Kommunikation. Das Zeichnen und Computertechnik sind schon lange seine Leidenschaften.

Heute ist er Lehrer für Web-Design bei Don Bosco. Alles das, was er bei den Salesianern gelernt hat, gibt er nun an seine Schüler weiter: Liebe, Fürsorge und Aufmerksamkeit. „Bei Don Bosco lernen die Schüler nicht nur die Werkzeuge für die Arbeit zu bedienen, sondern auch selbstlos zu sein, sich fair Anderen gegenüber zu verhalten und Ziele im Leben zu verfolgen.“

Sein Weg bis dahin war nicht leicht, doch Vielen im seinem Viertel gilt er heute als Vorbild. Dafür, dass man es schaffen kann, wenn man nur will.

Portrait Paulo

Gabriel P., 12 Jahre: Weil Lernen Freude macht und Zukunft schafft.

Gabriel ist 12 Jahre alt und lebt in der Favela Jacarezinho in Rio de Janeiro. Seit sechs Jahren wohnt er im Haus seiner Tante, seit vier Jahren besucht er die Don Bosco Schule im Viertel. Hier lernen die Kinder Konsequenzen: Wer sich nicht benimmt, kommt zum Lernen in den Nebenraum.

Ganz anders als in der Schule, in der er vorher war. Dort streunte er den ganzen Tag durch die Klassenzimmer, schubste die Mitschüler, schlug sie manchmal. Sein aggressives Verhalten war auffällig, seine Probleme beim Schreiben, die Legasthenie, auch. Doch niemanden kümmerte es. Zu Hause war es auch besser: Seine Mutter trank und schlug ihn oft, der Vater verließ die Familie früh.

Mit Disziplin und Fürsorge.

Bei Don Bosco ist Gabriel ruhiger geworden. Denn zur Disziplin und Strenge gehören Anteilnahme und Fürsorge genauso dazu. Nicht nur die Lehrer kümmern sich um ihn, auch eine Psychologin und eine Logopädin nehmen sich seiner an. Für ihn eine neue Erfahrung. Inzwischen geht er sogar gerne zur Schule. Nur das mit den Hausaufgaben fällt ihm noch schwer. Seitdem er Nachhilfestunden bekommt, gelingt ihm manchmal.

Jeden Samstag spielt Gabriel Fußball im Gemeindezentrum nebenan. Am liebsten möchte er Fußballer werden. Seine Lieblingsspieler sind Messi und Neymar, sein Lieblingsverein heißt Fluminense. Für den Fall, dass das mit dem Profifußball nicht klappt, hat Gabriel einen Plan B: Buchhalter will er werden, denn Mathe und Rechnen findet er einfach gut.

Die Sorge lebt weiter mit.

Seit die Polizei die Favela befriedet hat, wohnt er sogar ganz gerne hier. Früher gab es viele Schießereien und viele Tote. Auch Schüler seiner Schule sind dabei ums Leben gekommen. Einfach so, am helligten Tag. Manchmal flogen die Kugeln schon am Mittag. Dann musste sich jeder in Sicherheit bringen und um sein Leben rennen. Nie durfte er auf der Straße spielen oder Fußball kicken. Heute ist das zum Glück anders. Trotzdem: Nach der Schule muss er sofort nach Hause kommen, sonst gibt es Ärger. Wenn er Freunde besucht, will die Tante immer wissen, wer die Mutter ist und ruft dann dort an. Sie hat Angst, er könnte sich mit den Drogendealern einlassen.

Portrait Gabriel